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Skifahren in Marokko

Pfefferminz- statt Jägertee?

Wenn wir an Skifahren und Schnee denken, kommt uns nicht zuerst der Sonnenkontinent Afrika in den Sinn. Gibt es ein außergewöhnlicheres Erlebnis als nach Afrika zu reisen … zum Skifahren? Denken wir an den subtropischen Kontinent, fallen uns spontan Begriffe wie Wüste, Sahara, Palmen, Stand, Sonne, Meer, Hitze, Berber und Steppe ein. An schneebedeckte Berglandschaften, Skilifte und Skifahrer denken wir in diesem Zusammenhang eher nicht. Marokko im Norden des Kontinents ist ein Paradies für Sportler. Ein Märchen im Sommer und Winter, das seinen Besuchern mit seinen abwechslungsreichen Landschaften und gastfreundlichen Bewohnern sportliche Vielfalt bietet. Während sich die Sonnenanbeter in den Touristenhochburgen Marrakesch, Agadir und Casablanca von der Sonne verwöhnen lassen, suchen Wintersportler ihr Heil in den nur zwei Autostunden entfernten Skiregionen des Landes. Die Sonnenanbeter vergnügen sich beim Segeln, Surfen und Schwimmen, während sich die Winterfreunde im Pulverschnee des Atlasgebirges auf die Bretter schwingen, die die Welt für sie bedeuten. Die gut ausgebauten Skipisten laden ein, durch den Pulverschnee des Hochplateaus zu sausen, vorbei an dem atemberaubenden Gebirgspanorama, das je nach Lichteinfall und Tageszeit manchmal einer Mondlandschaft gleicht. In diesen Höhenmetern ist die Natur vegetationslos, zahlreiche Rinnen und Grate durchziehen die Hochebene, oft bläst ein eisiger Wind aus Richtung des Jbel Toubkat, mit seinen 4.165 Höhenmetern der höchste Berg in Nordafrika. Die Südhänge sind aufgrund der Sonneneinwirkung meistens schneefrei. Wer hinunter in das Tal blickt, wird mit dem Anblick der beeindruckenden Wüste entschädigt. Wer es etwas ruhiger mag, der fährt gemütlich Langlauf durch den Mittleren Atlas. Das Atlas-Gebirge verläuft entlang dem atlantisch-mediterranen Küstenstreifen und der Sahra. Von Marrakesch aus sind die Serpentinen zu sehen, die sich durch die rötlichen Gebirgsfelsen schlängeln. Besucher erreichen die bizarren und exotischen Skiorte über Wege entlang von Steinhäusern der Berberdörfer, Moscheen und Töpfereien. Kinder verkaufen Minze und Nüsse für Tee.

Marokkos Arlberg

Siebzig Kilometer vor der Weltstadt Marrakesch entfernt befindet sich das Wintersportparadies Oukaimeden, das in der Wintersaison von Dezember bis März über moderne Schlepp- und Sessellifte zu erreichen ist. Skifahrer freuen sich bei diesem Rundumblick auf ihre Abfahrt, denn ihre Auffahrt führt sie vorbei an verschneiten Tälern, Almen und Bergdörfern. Einen kurzen Augenblick zwinkern sie ungläubig mit den Augen, um sich klar zu machen, dass sie nicht in der Schweiz oder in Österreich, sondern in Afrika sind. An der Bar des Hotels Juju sitzen Gäste und trinken Glühwein, kein gewöhnlicher Anblick in dem muslimischen Land. Die urige Holzstube mit ihrem Dekor aus karierten Tischdecken und viel Holzverzierung lässt Hüttenfeeling aufkommen. Die Dorfeinfahrt beherrscht das Hotel Louka, eine Viersterne-Bausünde in dreieckiger Form. Die Preise von 500 Euro pro Nacht sind etwas optimistisch ausgelegt, betrachtet man den baulich nicht ganz einwandfreien Zustand. Die Region arbeitet jedoch an dem Ausbau ihrer Infrastruktur, gut Ding will Weile haben. Kaum zu glauben, dass nur siebzig Kilometer weiter sonnenverwöhnte und palmengesäumte Sandstrände die Landschaft bestimmen. Oukaimeden befindet sich auf 3.200 Höhenmetern, zwanzig Pistenkilometer und sieben Sessellifte haben dieses Paradies zum größten Skigebiet Marokkos werden lassen. Im Ort gibt es nach europäischem Vorbild einen Skiverleih. Weniger geübte Skifahrer mieten die Dienstleistungen eines „moniteur du ski“ (Skilehrer). Die Skilehrer und ihre Ausrüstung vermitteln den Eindruck als könnten sie die 220 Dirham für drei Stunden Unterricht gut gebrauchen. Auf die Hochebene gelangen Besucher über die Route 513. Sie teilen sich die Straße mit turmhoch bepackten und bunt angemalten Lastern. In bunte Gewänder gehüllte Bauern eilen mit ihrem Mulis zum Markt. Berberfrauen sind auf dem Weg in ihr Bergdorf. Die Moderne hat Einzug in Qukaimeden gehalten, denn das höchste Skigebiet des Landes ist gleichzeitig ein Anziehungspunkt der Schönen und Reichen. Besonders ist der Ferienort unter dem Nachwuchs der wohlhabenden Oberschicht von Marrakesch und Umgebung beliebt. Auch die internationale Prominenz hat den noch vergleichsweise bescheidenen Skiort inzwischen für sich entdeckt. Der Ort zählt 2.500 Besucher pro Tag.

Für Spanier und Franzosen sind die marokkanischen Skigebiete besonders interessant, weil sie einmal direkt vor der Haustür liegen (Spanien) und die Einheimischen die Landessprache (Französisch) sprechen. Obwohl sie die gleiche Sprache sprechen, haben sich Franzosen und Marokkaner oft nicht viel zu sagen. Die Kolonialzeit hat die französische Landessprache nach Marokko gebracht, bei vielen Menschen sitzt diese Zeit noch tief. Viele Marokkaner fühlen sich von den Franzosen weiterhin hochmütig wie die Bewohner eines kolonialisierten Landes behandelt. Dementsprechend unbeliebt sind die französischen Touristen bei den Einheimischen. So waren es die Franzosen, die im Jahr 1948 die Tradition des Skifahrens in das Land gebracht haben. Die ehemaligen Kolonialherren brachten den Club Alpin Français, das französische Gegenstück zum Österreichischen Alpenverein, mit und führten diesen Ort seiner Bestimmung zu. Sie erklommen die umliegenden Berggipfel und sausten auf Holzbrettern in das Tal hinunter. Die 1960er-Jahre brachten moderne Zeiten mit sich, die Region wurde mit Skiliften des österreichischen Unternehmens Doppelmayr ausgestattet.


Salam Alaikum in der Stadt der Könige

Achtzig Kilometer entfernt von der Ortschaft Fès liegt das kleinere Skigebiet Mischliffen auf 1.800 bis 2.000 Höhenmetern. Die beschauliche Stadt Ifrane ist ein Skiresort, das der marokkanische König zum Skifahren und Verweilen in seiner örtlichen Residenz besucht. Ifrane ist auch als die „marokkanische Schweiz“ bekannt. Der Ort wurde 1929 als Ferienort in 1.650 Höhenmetern errichtet. Die Häuser im europäischen Baustil erinnern an die französischen Kolonialherren. Das alpine Klima ist für die Einheimischen eine willkommene Abwechslung zu den hohen Temperaturen in den Tiefebenen. Dieses kleine mondäne Skigebiet ist ideal für alle Skifahrer, die an sich und ihre Leistungen nicht allzu viel Ehrgeiz erheben, einfach die Winterlandschaft genießen und sich gleichzeitig etwas bewegen wollen. Profi-Skifahrer, die an die Bedingungen der alpinen Skigebiete gewöhnt sind, werden hier wohl nicht allzu glücklich sein. Die kleine „Königsresidenz“ lebt vor allem vom Tourismus, neben dem Hauptplatz gibt es eine Konditorei, zahlreiche Cafés und kleine Souvenirläden, die sich auf das internationale Publikum eingestellt haben. Im Marché (Supermarkt) erwerben die Feriengäste Waren für ihren täglichen Bedarf. Ein Besuch der umliegenden Zedernwälder lohnt sich, dort leben wilde kleine Berberaffen. Sie haben die Bergwacht Mischliffen zu ihrem Lieblingsplatz auserkoren. Irfane verfügt über eine gute Infrastruktur, von Hotels in allen Preisklassen bis hin zu großzügig ausgebauten Parkanlagen ist für jeden Geschmack die richtige Ausstattung dabei. Die natürliche Wasserquelle „Source Vittel“ befindet sich etwas außerhalb der Stadt.

Skifahren mit Blick auf Europa

Im nördlichen Teil des Atlasgebirges liegt das wildzerklüftete Rif-Gebirge mit seinen 2.456 Höhenmetern. Der Gebirgsbogen ist der Vorhof der Straße von Gibraltar und verläuft parallel zur Mittelmeerküste bis in die Mündungsebene von Moulouya. Das Atlas- und das Rifgebirge sind durch eine Längsfurche voneinander getrennt. Die „Pforte von Tarza“ bildet die wichtigste west-östliche Durchgangsstrecke Marokkos. Die Kolonialzeit brachte eine verbesserte Infrastruktur mit sich, die erhalten blieb. Im Sommer bietet die zerklüftete Berglandschaft ideale Bedingungen für Motorrad- und Trekkingfahrer sowie Wandergruppen, in der Wintersaison gehört sie den Skifahrern. Eine besonders schöne Aussicht haben Wintersportler in die Täler, wo Kaktenen und Palmen die Straßen säumen, während sich hinter ihrem Rücken die schneebedeckten Berggipfel majestätisch wie der Kilimandscharo erheben. Die verbesserten Transportmöglichkeiten ließen in dieser abgelegenen Region ein Skigebiet entstehen, an dessen Bedingungen Wintersportler mit erhöhten Ansprüchen ihre Freude haben.

Abgesehen von diesen drei bekannten Skigebieten bietet Marokko noch einige schneebedeckte Gipfel, zu deren Füßen sich weitere kleine, aber weniger bekannte Ferienorte erstrecken. Diese Landschaften eigenen sich für Winterurlauber, die keine Experten auf den Schneebrettern sind, aber dennoch nicht auf Skitouren verzichten möchten. Eine Abwechslung zur heißen Wüste ist ein Tagesausflug, um eine Skitour zu wandern. Mit dem entsprechenden Schuhwerk ist eine Wanderung entlang der schneebedeckten Gipfel durch die verschneiten Täler eine sportliche Abwechslung ohne Skifahren. Urlaub in Marokko erfüllt zwei gegensätzliche Wünsche, die sich normalerweise ausschließen: Sonne, Strand und Wassersport auf der einen Seite und Schnee und Wintersport auf der anderen. Vom Kamelreiten in der Sahara zu den Souks im bunten Marraketsch und danach rauf auf die Skier ins Atlasgebirge. Marokko erwirtschaftet ein Zehntel der Landesdevisen in der Tourismusbranche. Achtzig Prozent tragen die Europäer zu diesem Umsatz bei.

Marokko

Marokko ©iStockphoto/andrearoad

„Inschallah – so Gott will“

Wintersportler erhalten ihren Skitagespass ab 10 Euro. Sie sollten jedoch nicht den europäischen Skipistenstandard erwarten. Gut ist es, an eine Wärmflasche zu denken, denn sie wärmt ihre Besitzer in den mitunter unzureichenden Temperaturen in den Hotelzimmern. Skifahrer bekommen beim Après-Ski mit Pfefferminztee einen Hauch von 1001 Nacht gereicht, man ist ja schließlich in Afrika und nicht in der mondänen Schweiz. Daher sollten feierwütige Wintersportler keine aufregenden Sausen erwarten. Man trifft sich auf ein Glas Tee in einem der kleinen Cafés, hochprozentige Feten sucht man vergebens. Die Skiklientel ist nicht so aufregend wie in den mondänen Alpenörtchen und die Ski-Mode fällt so unterschiedlich aus wie die Skifahrer selbst. Von einem traditionellen landestypischen Gewand bis zum Steppanorak ist alles vertreten. Der Standard der vorgeführten Skikünste reicht von Bewunderung bis hin zum Lächeln. Mancher Skifahrer fährt vermutlich auf Grundlage der Weisheit: „Augen zu und durch.“ Nicht zu vergessen ist die Hotellerie: Von exotischen landestypischen Häusern mit Palmengarten über einfache Pensionen und Viersterne-Hotels findet jeder Besucher vor Ort das richtige für sich. Winterurlauber müssen sich jedoch auf die landestypisch weniger gut ausgebaute Infrastruktur einstellen. Es gibt durchaus Viersternehotels, die nichts mit dem europäischen Standard dieser Klasse zu tun haben. Ein Blick auf den Zustand der Hotels sagt viel. Die Mentalität der Marokkaner ist eine andere als bei uns. „Ist etwas kaputt, bleibt es kaputt, Werkzeuge und Materialien sind nicht vorhanden und schwer zu beschaffen“, erzählen einheimische Arbeiter. Die infrastrukturellen Dienstleistungen versehen meistens Männer, die aus den umliegenden Berberdörfern angeheuert werden. So groß der Jubel über den eintretenden Schnee unter den Bergtouristen auch ist, so kann es durchaus zu Stromausfall kommen. Dann lässt sich über mehrere Tage kein Gast blicken. Meistens ist dieses kleine Malheur jedoch schnell vergessen, spätestens am nächsten Wochenende kommen die Gäste wieder. „Inschallah“, „so Gott will“, sagen die Einheimischen, die als Saisonarbeiter gut von dem Verdienst leben. 3.000 Euro für vier Monate ist sonst das durchschnittliche Jahreseinkommen in Marokko. Skianhänger, die einen nicht typischen Urlaub verbringen möchten, sollten sich von diesen kleinen Einschränkungen nicht abschrecken lassen, mit einer Prise Humor geht alles ein bisschen leichter. Reißt die schneeträchtige Wolkendecke wieder auf, funkeln die tiefverschneiten Skiorte Marokkos in der Sonne Afrikas wie Diamanten aus den Bergwerken in Namibia und Botswana.

Eine angenehme Begleiterscheinung von Winterurlaub in Marokko ist, dass man hier nicht nur Skifahren, sondern auch etwas für seine kulturelle Bildung tun kann. Abstecher in die bedeutsamen Städte Fès und Maknes lassen sich zeitlich leicht einschieben.

Ein bisschen Spaß muss sein

Wintersportler mit einem besonderen Sinn für Humor können noch eine andere Art von Skifahren ausprobieren: Entlang der Wüsten und Dünen gibt es geführte Touren, mit denen Besucher durch den Sand Skitouren unternehmen und ihre Geschicklichkeit auf einem Snowboard ausprobieren können. Die Einreise nach Marokko ist unbürokratisch, Urlauber benötigen lediglich einen Reisepass, der mindestens noch ein halbes Jahr gültig ist. Voraussetzung ist, dass die Touristen weniger als neunzig Tage alleine zu Erholungszwecken im Land verweilen. Anderenfalls ist ein Visum notwendig. Da die Vergangenheit gezeigt hat, dass in Marokko durchaus touristische Anschläge und Entführungen passieren können, sollten Touristen die aktuellen Sicherheitshinweise und Warnungen des Auswärtigen Amtes beachten. Im Allgemeinen ist Marokko jedoch ein sicheres und ruhiges Reiseland.

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